In Schwäbisch Hall trat erneut das Landespolizeiorchester Baden-Württemberg zu einem Benefizkonzert an

10.04.2017 13:54 von jazz (Kommentare: 0)

 

Polizeiorchester in Schwäbisch Hall - Foto: Kumpf

Text und Fotografien: Hans Kumpf

 

Mexiko im musikalischen Mittelpunkt

 

Der karitative Verein „Help! – Wir helfen!“ ist in Entwicklungsländern bei medizinischen Notfällen aktiv. Die Spenden dafür werden unter anderem bei prägnanten Veranstaltungen – wie Benefizkonzerten – eingesammelt. So stellten sich Mitte November 2016 in der Haller Sonnenhof-Arche junge Klassik-Stars aus der Region und das renommierte Saxofon-Quartett von Richard Beißer in den Dienst der guten Sache, einen Monat später begeisterte in der Kulturscheune das Landespolizeiorchester Baden-Württemberg mit die Herzen erwärmenden Weihnachtsweisen.

 

Jetzt rückte das in Böblingen stationierte Musikkorps erneut zu dem großen Veranstaltungsaal der Waldorfschule aus, um ein Wohltätigkeitskonzert zu geben. Bei diesem Orchester handelt es sich nicht etwa um ein „Werksorchester“ des Stuttgarter Innenministeriums – so wie beispielsweise Beschäftigte bei Bosch und Daimler mit fürsorglicher Unterstützung der Firmenleitungen in eigenen Big Bands ein kulturelles Freizeitvergnügen pflegen und für ihre Betriebe nach außen eine positives Image vermitteln.

 

Vielmehr hat die Polizei – zum ausdrücklichen Missfallen des gestrengen Landesrechnungshofs – dafür eigens 30 Profimusiker engagiert. Nur elf Instrumentalisten von ihnen sind derzeit mit dem formellen Status eines Polizeibeamten gesegnet. Besetzt ist das Landespolizeiorchester Baden-Württemberg wahrlich international: Nur fünf Personen stammen aus dem Südweststaat. Ausländer kommen aus Japan, China, Rumänien, Argentinien, Spanien, Tadschikistan, Vietnam oder Griechenland.

 

Die Musiker traten in Hall nicht etwa in Uniformen von Ordnungshütern auf, sondern ziemlich zivil: In schwarzen Anzügen, weißen Hemden, noblen Fliegen – nur auf den geschniegelten Saccos und Westen prangte das hoheitliche Landeswappen.

Mit Stefan R. Halder steht dem Orchester ein schneidiger Dirigent zur Verfügung, der enorme Begeisterung und eine immense Portion Humor auch gestisch zu vermitteln vermag.

 

Mit der „Symphonic Overture op. 80“ von dem Tubisten James Barnes begann das festliche Konzert am Palmsonntag. Viel Dschingderassa und dann süßliche Oboen-Kantilenen. In Noten gesetzt wurde die Auftragsarbeit 1990 zum 50. Jubiläum der „United States Air Force Band“, die ja im 2. Weltkrieg von dem Jazzer Glenn Miller „beswingt“ wurde.

 

Im musikalischen Mittelpunkt des Abends stand jedoch mehrfach das südliche Nachbarland der USA. Nicht an einen etwaigen Mauerbau, sondern an die vielfältige Kultur Mexikos dachte der im Bundesstaat Missouri geborene Harry Owen Reed, als er 1949 "La Fiesta Mexicana" komponierte und das dreisätzige Werk mit "A Mexican Folk Song Symphony for Concert Band“ untertitelte. Glockengeläut, Feuerwerkskrach, Heilige Messe, turbulentes Karnevalstreiben – alles drin. Eher preußisch klingt dagegen „La Marcha de Zacateca”, 1891 von Genero Codina erschaffen und als inoffizielle Hymne Mexikos geltend. Ein anderer mexikanischer Tonschöpfer, nämlich Arturo Márquez, verfasste den „Danzón No. 2“, bei dem der japanische Bassklarinettist Arata Kajima flugs zum Flügel wechselte. Ein mit schönen Klangeffekten gestaltetes und mit mitreißenden Rhythmen versehenes Stück; Stefan R. Halder geriet auf dem Dirigentenpodest sichtlich in Tanzlaune.

 

Speziell für das vielseitige Landespolizeiorchester fertigte Tobias Becker, der einst im Jugendjazzorchester Baden-Württemberg Piano mitwirkte, „A Tribute To Roger Cicero“ an. Der in Böblingen wohnhafte Becker antwortete auf Anfrage: „Ich schreibe regelmäßig für das LPO, und so hat mich Stefan Halder letztes Jahr gefragt, ob ich mir vorstellen könne, ein Roger-Cicero-Medley zu schreiben. Allerdings sollte dies ein reines Instrumental-Arrangement werden. Also war die Schwierigkeit für mich, einen Wiedererkennungseffekt und eine ähnliche Stimmung wie im Original zu erzeugen, gleichzeitig aber auf den Liedtext zu verzichten und die gesangliche Phrasierung auf die verschiedenen Instrumente zu verteilen und anzupassen.“ Dies ist Becker zweifelsfrei gelungen, und nun konnte man sich bei sinfonischer Blasmusik der hochprofessionellen Art nochmals an die Schlager „Zieh die Schuh aus“, „Männersachen“ oder „Frauen regier’n die Welt“ erinnern.

 

Beliebte Melodien aus dem Musical „Mary Poppins“ standen am Schluss des gedruckten Programms. Als Zugabe das stets perfekt aufspielende „LPO“ den österreichischen Militärmarsch „Die Regimentskinder“ von Julius Fučík.

Zurück

Einen Kommentar schreiben