Begegnung mit Erik Truffaz

01.03.2008 17:58 von jazz (Kommentare: 0)


Dieses Interview führte Jacques Prouvost für CitizenJazz, 
http://www.citizenjazz.com, dort veröffentlicht am 25. Februar 2008. 
Übersetzung aus dem Französischen: Jochen Eckert.
 

Der Trompeter Erik Truffaz stellt seinem Jazz zwischen Rock, Drum'n'Bass und Weltmusik. Als Rand-Franzose, aus der französischen Peripherie des schweizerischen Genf stammend, liebt er die Nicht-Orte auch in seiner Musik. Er mischt die Genres, ohne sich um die Etiketten zu kümmern, die ihm oft allzu schnell angehängt werden. In diesem Interview stellt er seine Arbeitsweise und seine aktuellen Projekte vor.

Ende letzten Jahres hast du in Paris innerhalb einer Woche an verschiedenen Orten eine ganze Serie von Konzerten gespielt. Welche Absicht stand dahinter?

Als erstes war da die Lust, wieder in kleinen Sälen, in Clubs zu spielen. Aber auch, um einige Ideen zu überarbeiten, die CD Arkhangelsk wieder in den Vordergrund zu stellen, da ihre Veröffentlichung ein bisschen überhastet vonstatten ging. Wir haben weitere Stücke dazugenommen, und wir haben uns entschlossen, eine ganze Woche in Paris zu spielen. Anstatt ins Olympia oder die Cigale zu gehen, wo du 2800 Leute auf einen Schlag hast, haben wir uns entschieden, in kleine Säale zu gehen und so von unterschiedlichen Kontexten zu profitieren. Wir spielten mal mit Mounir (Anm.: Mounir Troudi) mal mit Ed Harcourt. Wir spielten Standards. Ich habe Oxmo Puccino, Sly Johnson eingeladen, etc... und das Ergebnis war ziemlich gut. Wir haben die Gelegenheit genutzt und das Ganze gefilmt, mit dem Ziel, vielleicht einen Streifen über die Gruppe rauszubringen.

Wenn man in kleineren Säalen auftritt, findet da beim Spielen eine Begegnung mit anderen Gefühlen statt?

Es ist ziemlich berauschend, die Leute zu spüren.

Empfindest du eine andere Art zu spielen? Gibt es mehr Interaktion, Improvisation?

Das beschreibt es nicht wirklich. Da wir mit der Energie des Publikums spielen, das viel näher bei uns ist, ergibt sich eine fast familiäre Atmosphäre, vor allem im Sunset, wo 200 Leute reingehen. Wir mögen das sehr. Sicher, der New Morning, das sind trotzdem 400 – 500 Plätze... man muss also den Ausdruck “kleine Säale” relativieren. Nur das Sunset und das Sunside waren wirklich klein.

Und das Ergebnis? Waren die Säale voll? Denn man kann sich vorstellen, dass das nicht selbstverständlich sein muss, sechs Abende in Folge sechs verschiedene Säale zu füllen, selbst in Paris.

Wir waren jeden Abend ausgebucht, und darüber hinaus mussten wir Leute weckschicken. Wir hätten ein weiteres Mal den New Morning dranhängen können.

Gibt es immer noch die zwei „offiziellen” Gruppen von Truffaz? Das Quartett und Ladyland?

Hier, bei dieser Konzertreihe, ging es nur um das Quartett.

Ja, aber trotzdem war Mounir Troudi mit dabei, ebenso gab es andere Mischungen?

Eigentlich sollte Christophe kommen, aber er ging zu der Zeit ins Studio, um sein neues Album aufzunehmen.

Wo stehst du momentan mit deinen zwei Formationen?

Im Augenblick führe ich das Projekt Ozu mit Ladyland fort. Wir werden diesen Sommer zusammen auf Tour gehen. Dann arbeite ich viel in Duos, eines davon mit Sly Johnson und ein anderes mit Richard Galliano. Ich habe auch ein Projekt mit Murcof und dann ein indisches Projekt.

Gerade kommst du aus Indien zurück. Wie haben sich die Konzerte mit Malcom Braff dort ergeben?

Im Anschluss an eine Serie von Konzerten in Indien hatte ich in Calcutta ganz außerordentliche Musiker kennengelernt. Ich hatte Lust, dorthin zurückzukehren. Ich reichte ein Proposal bei der französischen Botschaft ein, die gerade zu der Zeit ein Aufenthaltsprogramm für Indien ausschrieb. Das wurde so angenommen, und wir sind da hingefahren.

Welchen Stil ergibt das? Atmosphärischen Jazz? Indische Musik?

Zunächst ist die Textur der Musik anders. Die Instrumente sind Tabla, Piano, Trompete und Holzbläser. Das Ensemble wurzelt in der klassischen indischen Musik. Mit einigen Jazz-Einflüssen sicherlich. Gut, man improvisiert auch in der indischen Musik viel.

Habt ihr die Konzerte aufgenommen mit der Absicht, ein Album herauszubringen?

Bof, weißt du, die Alben... wenn du dir anschaust, was das kostet und was das bringt... 

Aber das “Live”-Doppelalbum mit beiden Gruppen, unter welcher Perspektive hast du das dann herausgebracht? Als Zeugnis einer Etappe, um dann an Anderem weiterzuarbeiten?

Nein, nicht wirklich, um an Anderem weiterzuarbeiten. Es ist eine Art Fotografie, eine Momentaufnahme,. Und wenn man Dinge fotografiert, dann nicht immer, um sie danach zu verändern.

 



Aber das Quartett hat verschiedene Musikstile durchlaufen, vom Drum'n'Bass bis zum Rock. Dann gab es zuletzt mit Ed Harcourt etwas mehr Pop-Einfluss. Wie finden diese Bewegungen, diese Fortentwiclungen statt?

Das geschieht vor allem durch Nachdenken. Wir stellen uns ständig Fragen. Nachdem wir ein Album gemacht haben oder mehrere Jahre gemeinsam auf Tournee waren, fragen wir uns immer, wie wir uns weiterentwickeln. Das ist normal. Dann kommt jeder Musiker mit Vorschlägen. Am Ende entdeckt man Gebiete der Übereinstimmung. Das ist wirkliche Gruppenarbeit.

Immer mit dem Ziel, neue Wege zu erkunden, ohne sich zu sehr mit Stilfragen zu beschäftigen?

Vor allem mit dem Ziel, lebendig zu bleiben, nicht nur „schönzuspielen“, weiter voranzukommen, nicht den Zwängen der Gewohnheit zu erliegen. Unter dem Push von Marcello Giuliani war es als erstes unser Drum'n'Bass-Image, das wir mit dem „Rock”-Album (Walk Of The Giant Turtle) durchbrechen wollten. Denn wenn dir einmal das Etikett einer Modeströmung anhängt und die verschwindet...hm, na ja... du bist dann eben auch weg.

Du hast doch immer versucht, an den Moden entlangzusurfen, indem du Gegenpositionen eingenommen hast, Stilfragen oder Etiketten ignoriert hast.

Ja, das versuche ich. Aber das braucht Arbeit, ein bisschen Mut auch, aber vor allem Neugier. Die Form der Musik ist mir übrigens nicht dermaßen wichtig. Das, was mich interessiert, das ist das, was den Grund der Musik ausmacht. Auch über die Form denke ich nach, sicherlich, aber das bringt nichts ohne dieses Fundament.

Findet man dich deshalb in Projekten mit Electro, Musique Française, Rock, Weltmusik, zeitgenössischer Musik, etc.? 

Ja, und wenn ich mit einem klassischen Orchester spielen muss, ist das auch kein Problem für mich. Ich würde das übrigens gerne tun, wenn ich die Mittel hätte. Aber ich denke auch über das „Wohin“ jedes Projektes nach. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, einen New Yorker Musiker zu nehmen, da ich weiß, dass das nicht gelebt werden könnte. Aber ich bin nicht der Einzige, der so denkt: Anouar Brahem zum Beispiel hatte im Libanon einen unglaublichen Perkussionisten getroffen, mit dem er wirklich gerne arbeiten wollte. Aber er hat darauf verzichtet, weil es unverhältnismäßig teuer wäre, diesen Musiker für jedes Konzert kommen zu lassen. Man muss auch daran denken: eine Gruppe ist wie eine kleine Firma.

Das ist manchmal frustrierend, ja? Vor allem, wenn man die Genres und Kulturen durchmischen will. Übrigens: diese Mischungen, verbindet sich damit auch eine politische Aussage?

In gewisser Weise ja, manchmal. Es ist sicher kein neutraler Ansatz, wenn ich einen arabischen Sänger nehme. Ich mag die arabische Musik, auch wenn nicht sagen kann, dass ich viel davon höre. Aber wenn ich dort unten bin, habe ich das Bedürfnis, diese Musik zu hören, das Rufen des Muezzin. Und ich liebe es, dies mit meiner Kultur zu mischen. Ich finde mich darin wieder, weil es im Sufi, der indischen oder arabischen Musik eine Art Suche nach dem Ton gibt, die mich sehr interessiert. Materie. Und auch Improvisation! Nicht nur im Jazz improvisiert man. Und das Alles geht mir nahe.

Deine Definition von Jazz, wie wäre die?

Ich weiß nicht, aber die Verwendung bestimmter Instrumente entspricht mehr dem Jazz als die Verwendung anderer. Wenn du mit der Trompete improvisierst, anstatt klassische Musik zu spielen, machst du schon Jazz, fast automatisch, weil der Jazz dieses Instrument stark entwickelt hat. Dann gibt es sicherlich all' die Definitionen, die politische Forderungen der amerikanischen Schwarzen waren. Aber das ist eine Bewegung – die Respekt verdient, aber mit der ein Europäer, ein weißer Europäer zudem, sich nicht vollständig identifizieren kann. Hard Bop, Bebop das war ihre ureigene Musik. Genauso wie Rock von Iggy Pop gespielt wird. Das, was ich wirklich suche, ist nicht die Art von Musik, die ein Banker.sich gerne anhören würde. Ich mag die Musik des Augenblicks; ich mag sie lebendig, ein bisschen rockig, ein bisschen wild.




Kurz gesagt: aktuell.

Aktuell, ich weiß nicht. Star Ac (Anm.: französische Casting-Show), das ist auch aktuell. Mich interessiert vor allem, mich in viele verschiedene Arten von Musik einzufügen. Das Wichtige ist, sich mit den anderen Musikern zu finden. Mit dem Quartett suchen wir gemeinsam, komponieren wir gemeinsam. Wie in einer Rockgruppe, und das ist großartig.

Aber du bist es vor allem, der komponiert.

Nein, nicht wirklich. Die Richtung von The Dawn wurde vor allem von Marcello Giuliani bestimmt. Er war es auch, der The Walk Of The Giant Turtle den Geist des Rock eingehaucht hat. 

Wie hast du Ed Harcourt kennengelernt, und warum wolltest du ihn zum Quartett dazu nehmen?

Ich traf Ed in Paris bei der Hommage an Chet Baker im New Morning. Dann hatte ich Lust, ihn zu fragen ob er mit der Gruppe singen will. Am Anfang habe ich mich nicht getraut, es ihm zu sagen, weil ich dachte, er sei zu bekannt. Also bat ich ihn, mir einen Sänger zu empfehlen. Aber er hat mir nie geantwortet. Später dann habe ich ihn aber wirklich gefragt, ob er mit uns singen will, und er war dann sofort einverstanden.

Ist er mit eigenen Kompositionen dazu gekommen?

Wir haben ihm zuerst Themen geschickt, die wir in der Gruppe geschrieben hatten. Von seiner Seiten kamen dann Texte und Melodien. Der ganze Rest lief dann im Studio. 

Ein bisschen wie mit Christophe?

Ausgenommen, dass Ed Harcourt viel schneller als Christophe ist. Harcourt ist sehr, sehr schnell, seine Begabung ist ganz enorm. Christophe arbeitet mehr mit Instinkt und Emotion, er braucht Zeit. Und manchmal funktioniert das nicht. Mit Harcourt: unmöglich, dass es nicht funktioniert. Er hätte übrigens viel mehr Erfolg vedient.

Das hört sich das alles ziemlich wie beim Pop an. Ist das so, weil du immer davon geträumt hast, Gitarre in einer Rockgruppe zu spielen?

Nicht ganz. Am Anfang hatte ich keine Begabung für die Trompete, Null. Also habe ich mir den Kopf zerbrochen, ich habe wie verrückt an einem Prinzip gearbeitet, um daraus etwas abzuleiten, das mir entsprach. Aber ich schaffte das nicht. Weißt du, die Trompete, das ist wie Bogenschießen oder bestimmte Kampfkünste. Wenn du die Stelle nicht genau triffst, dann misslingt es dir. Also muss man die richtige Atemtechnik lernen. Und sein Gleichgewicht finden. 

Ich habe im Jazzman gelesen, dass einer deiner Wünsche wäre, wie Wayne Shorter komponieren zu können.

Denkst du, ich habe etwas Dummes gesagt?

Nein, überhaupt nicht. Ich wollte wissen, was du damit gemeint hast.

Ich denke, dass Wayne Shorter einer der größten Komponisten dieses Jahrhunderts ist. Dieser Typ kam jede Woche mit drei oder vier Themen zu Miles. Er arbeitet mit einer solchen Leichtigkeit, ohne Piano, ohne alles... er ist ein wirklicher Komponist, wie Debussy oder Ravel. Nicht wie ich, der einen Monat oder mehr braucht, um mühevoll eine Komposition zu schreiben – und das mit Piano! Ich kann komponieren, aber ich bin nicht begabt dafür. Ich bin vielleicht mehr begabt dafür, Meldodien zu schreiben – Melodien, an die man sich erinnert. Was mir gefällt, das ist der Rhythmus und die Melodien. Das trifft sich gut, denn ich habe eine Mordstruppe, was den Rythmus betrifft, und ich bringe die Melodien ein. 

Da ist wieder dieser Geist einer Rockgruppe?

Ja, aber wir machen Jazz. Shorter machte das mit Miles auch so. Auf Filles de Kilimanjaro sind es die Melodien, Themen, die sich drehen, sich verschieben. In A Silent Way ist im gleichen Geist gehalten. Ich bewundere das, tausendmal mehr als eine Platte von Wynton Marsalis. Und dann, das ist wahr, mag ich Sänger. In der Gruppe sind wir alle ein bischen sowas wie frustrierte Sänger. Ich mag Peter Gabriel, den Sänger von Coldplay, die Beatles, Led Zeppelin... das ist die Musik, mit der ich aufgewachsen bin und die ich liebe.

Du hast auch mit Harald Haerter, Joe Lovano, Michael Breker gespielt..

Ja, mit Joe Lovano, das war eine fantastische Erfahrung. Das ist ein Gebirge aus Energie und Ideen. Wenn du neben ihm spielst, tankst du dich voll mit Hoffnung und Motivation für deine Arbeit.

Und Breker?

Eine meiner schönsten Kollaborationen, eine wunderbare Erinnerung. Wir haben zusammen vier Konzerte gemacht. Danach, während seiner Krankheit, haben wir weiter E-Mails ausgetauscht. Er sagte einer Zeitschrift, dass ich unter den drei Trompetern sei, mit denen er am liebsten gespielt hat.

Wer waren die zwei anderen?

Roy Hargrove und sein Bruder Randy Breker.

Hmm, da bist du ja in guter Gesellschaft. Was sind deine anstehenden Projekte?

Gut, zunächst das indische Projekt in Paris, dann in Cully und sicher auch in Deutschland... und dann woanders noch, hoffe ich. Und ich werde mich auch auf meine Duo-Projekte mit Murcof, Galiano und Sly Johnson konzentrieren. Und danach dann wird man sehen, denn wie immer wird es vielleicht Unvorhergesehenes geben...




Fotos: Frank Schindelbeck www.jazzfotografie.de



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