Andromeda Mega Express Orchestra - Daniel Glatzel im Gespräch mit Frank Schindelbeck, April 2009

27.04.2009 08:00 von jazz (Kommentare: 0)

 

Auf das Andromeda Mega Express Orchestra bin ich das erste mal 2007 gestoßen. Die Formation aus Berlin hatte sich seinerzeit für den Neuen Deutschen Jazzpreis der IG-Jazz Mannheim beworben. Auch wenn sie es letztlich nicht auf die Mannheimer Bühne geschafft haben, so hatte ich das Orchestra doch fürderhin auf dem Radar und Kontakt zum unermüdlichen Organisator der Band Daniel Glatzel. Er war bereit, einige neugierige Fragen des Jazzbloggers zur Band und zum dieser Tage erscheinenden Erstlingswerk der Band, „Take Off“, zu beantworten.

 

 

„Andromeda Mega Express“ hört sich ja schon ein wenig Sun-Ra inspiriert an. Gibt es da zumindest einen spirituellen Einfluss?

 

Sun Ra würde ich nicht zu meinen Haupteinflüssen zählen. Manche Dinge finde ich aber genial und die haben wir
auch direkt in Andromeda verwendet. Auf unserer Korea-Tournee haben wir alle – wie die Sun-Ra-Band – den Standard „‚S Wonderful“ gesungen.

Meine Mutter ist Opernsängerin und sie kam für die Zugabe mit auf die Bühne und war unser Vorsänger. Das war eine total bizarre Mischung aber in dem Stück ist soviel Liebe drin, dass es trotzdem passt. Und das wollte ich unbedingt auch mal machen.

 

Stell das Orchester doch mal kurz vor. Wer seid ihr, was macht ihr, seit wann gibt es euch, von wem seid ihr inspiriert?

 

Wir sind 20 Musiker aus allen Musik- und Himmelsrichtungen. Vor genau drei Jahren haben wir ein Experiment gestartet
in dem klassische Musiker und Jazzmusiker zusammenarbeiten.

Die Instrumentierung ist ebenso bunt wie die Persönlichkeiten der Bandmitglieder. Das Projekt hatte sehr viel Potential
– das hat man gleich gemerkt. Deswegen habe ich alles dafür getan, dass wir trotz widrigster Umstände eine feste Band werden, oft spielen und gemeinsam wachsen können. Die Leute in der Band glauben daran und sagen viele Angebote ab, damit wir kontinuierlich arbeiten. Seit einem Jahr sind wir bis auf 1-2 Auswechslungen immer dieselbe Besetzung und nur deswegen kann auch etwas Spezielles entstehen.

Da ich die Stücke komponiere und das meiste organisiere, lenke ich natürlicherweise das Geschehen mehr als die anderen. Wenn wir spielen, versuche ich aber möglichst viele Freiheiten zu lassen. Gleichzeitig will ich, dass wir stets in der Musik sind und deswegen kann ich auch sehr unnachgiebig sein. Denn je größer die Gruppe, desto schneller wird sie träge und bewusstlos – selbst wenn man eigentlich total motiviert ist. Das schöne an so einer Gruppe ist aber gerade, dass sich die Probleme einer Gesellschaft und des Menschseins in unserem Mikrokosmos widerspiegeln.

Wenn wir uns treffen, sprechen wir von „die Familie“ (ausgesprochen in einem starkem italienischem Akzent). Man lernt sehr viel über das Leben. Das möchten wir auch in der Musik transportieren.

 

 

Eine Bigband der etwas anderen Art kann man wohl nur in einer Metropole zusammenbringen. Ist es schwierig die Band zusammen zu halten?

 

Trotz des hohen Einsatzes lassen sich bestimmte Situation leider nicht vermeiden. Jeder hat auch andere Verpflichtungen – Familie, Überleben, etc. Es kann manchmal schon sehr niederschmetternd sein, wenn man das Gefühl hat „jetzt geht’s richtig los“ und dann kann wieder einer nicht…

Dann muss man dem Sub alles wieder beibringen, was man sich in vielen Proben, Konzerten und Besäufnissen erarbeitet hat.

Wenn man in neue Richtungen forscht, braucht man unbedingt die kollektive Erfahrung. Man muss eine gemeinsame Sprache finden und sich vertrauen können. Wir stehen ja noch völlig am Anfang – ich habe soviele Ideen für die Band und möchte immer weiter ins Detail gehen mit dieser Gruppe.

Ich hoffe, dass wir bald einen Sponsor oder staatliche Finanzierungshilfe bekommen. Momentan arbeiten wir im Low-Budget-Bereich. Das ist zwar auch eine Kunst und hilft dem Idealismus, aber wenn wir eine solide finanzielle Basis hätten, könnten wir wirklich was Einzigartiges und Großartiges schaffen. Davon bin ich überzeugt!
(mit tiefer Stimme und in triumphierender Pose)

 

Lebt ihr in einer Kommune in einem Altbau in Berlin und verbringt eure Zeit mit rehearsals?

 

In unserer WG in Kreuzberg wohnen immerhin drei Andromedoiden. Wenn wir Probenphasen haben, dann kommen noch drei weitere dazu. Wenn die Sonne scheint, klettern wir aufs Dach, singen Bachchoräle und diskutieren über Musik und das Leben.

Dann gehen wir wieder runter und spielen Super Bomberman 2 auf dem Nintendo, während die anderen kochen. Manchmal spielen wir auch alle Fußball und dann versuchen wir, wie Werder Bremen zu sein. Das ist nämlich auch ne super Band!

Ich freue mich sehr auf die Mai-Tour – da sind wir alle zwei Wochen lang zusammen. In Korea war es schon der Wahnsinn. Wir hatten einen rosaroten Tourbus mit Rüschenvorhängen, Diskokugel und integrierter Karaokeanlage.

 

 

Eure neue Schallplatte kommt sowohl auf CD als auf Vinyl heraus. Verratet ihr, in welcher Auflage jeweils?

 

Ich glaube 5000 und 500 – bin mir aber nicht ganz sicher.

 

Ihr unternehmt eine größere Tour zum CD Release, und taucht nicht im Mekka des Jazz in Süddeutschland – dem Rhein-Neckar-Dreieck auf. Gibt es dafür eine glaubwürdige Entschuldigung?

 

Die grausamste Entdeckung in den letzten Jahren meines Lebens war die Schattenseite des Musikerdaseins: Das Booking.
Ich habe mir monatelang den Hintern abtelefoniert und abgemailt, damit wir überhaupt soviel spielen können.

Leider gibt es zuwenige Veranstalter, die den Mut haben Risiken einzugehen. Wir sind 20 Leute und noch unbekannt dazu – das scheint die meisten abzuschrecken.

Aber unsere Konzerte reißen die Leute mit! Ich hätte kein Problem damit, wenn man uns als ein Super-Mega-Hyper-Event ankündigen würde. Das hat nichts mit Angeberei zu tun – ich bin sogar ein sehr kritischer Mensch und ich zerfleische mich permanent selbst, aber ich bin überzeugt von dem, was wir als Andromeda tun. Es ist nunmal was außergewöhnliches und es gibt genügend Beispiele dafür: z.B. unser Konzert in der Jazzwerkstatt in Pfaffenhofen. Das ist ein Kuhdorf in Bayern und als wir kamen waren 300 Leute da. Die haben einfach ordentlich Werbung gemacht und dann ist die Werkstatt aus allen Nähten geplatzt.

Die Leute sind neugierig gewesen und haben teilweise von außen durch die Fenster reingeguckt – so voll war es! Zuschauerrekord trotz unbekanntem Namen. Ich hoffe, dass sich weltweit Veranstalter
daran ein Beispiel nehmen! (Applaus und Kopfnicken im Publikum) 

 

Kurz und bündig: Warum sollte man ausgerechnet euer neues Werk erwerben? was macht es großartig und unverzichtbar?

 

Wir haben extra lange gewartet mit einer CD-Veröffentlichung. Wir wollten uns einspielen und die Stücke so gut kennenlernen, bis eine gewisse Reife da ist. Natürlich denkt man immer, dass man Sachen besser machen hätte können. Aber wir hatten dank dem Label sehr gute Bedingungen und genügend Zeit um das Material auszureizen. Ich war einen Monat lang jeden Tag ca. 8 Stunden im Studio und habe jedes kleine Detail abmischen können.

Der Sound der Aufnahme ist sehr gut geworden – dank guter Tonmeister, mit denen ich mich vorher intensiv ausgetauscht habe über Mikrofonierung und die Verwendung analoger (anstatt digitaler) Geräte. Mir war es sehr wichtig, dass wir eine authentische Klangästhetik hinkriegen.

Ich finde in diesem Punkt sind heutzutage gute Indiebands wie The Notwist oder Radiohead den meisten Jazzern meilenweilt voraus.

Außerdem haben wir ein wunderbares Artwork von Henning Wagenbreth entworfen bekommen, der schon unser Poster gemacht hat. Dabei ist ein 20-seitiges Booklet in Form eines Orchester-Space-Roadmovies auf das man dann beim (il)legalen Downloaden verzichten müsste!

Wenn man die Platte in aller Ruhe mit guten Kopfhörern oder Lautsprechern hört, dann kommen all die Aspekte über die ich vorher gesprochen habe tatsächlich zum Vorschein. Die Aufnahme ist lebendig! Es funkeln die ganzen lustigen Charaktere aus unserer Gruppe auf und es sind wahnsinnig viele Details zu entdecken.

Man darf sich nicht von der Oberfläche trügen lassen (für alle die denken wir machen/mögen Filmmusik) und ich behaupte jetzt mal, dass man die Platte hunderte Male anhören kann, wenn man laut genug aufdreht und man Klänge als eine Sensation im wahrsten Sinne des Wortes begreift – stetig sich wandelnde, oszillierende Figuren in einem Luftgefäß – gibt es eine wahrhaftigere Form für eine Menschenseele als diese?

 

 

Weiterführende Links

http://www.andromedameo.com

 


TheJazzPages

Text und Interview von Frank Schindelbeck

 

 

 

 

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