Sarah Lipfert - Interview mit Klaus Mümpfer

28.05.2013 22:44 von jazz (Kommentare: 0)



Sarah Lipfert - Foto: Klaus Mümpfer


Zu den jüngeren Künstlern, die einen ganz eigenständigen Sound entwickelt haben, zählt die Sängerin Sarah Lipfert. Sie stellt mit ihrem Quartett dieses Jahr beim „Internationalen Jazz-Festival Bingen swingt“ ihr neues Programm „Krug bis Knef“ vor. Für dieses ausgefallene Projekt hat die Sängerin Kompositionen ausgewählt, die Künstler wie Hildgard Knef und Manfred Krug zu Klassikern gemacht haben und die sie mit der ihr eigenen Sangeskunst interpretiert. Elegant sind die Arrangements, raffiniert die Stimmführung mit Lied und Scat, emotional die Ausdruckskraft. Sie singt mal unterkühlt, mal intim. Doch stets vehement swingend sind Begleitung und Gesang. Von besonderem Reiz sind Stücke wie die „One Note Samba“, „Für eine Nacht voller Seligkeit“ oder „Irgendwo auf der Welt“. „Lass mich bei dir sein“ outet Sarah Lipfert als Romantikerin. Verrucht und zugleich naiv erklingt „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“. Dank der exzellenten Musiker und der Interpretationskunst der Sängerin ist das neue Programm nicht nur für Freunde alter deutscher Schlager, sondern auch für Anhänger swingender Jazzmusik reizvoll und hörenswert.

Schon vor Jahren verrieten die Programme der Sängerin eine Vorliebe für Stücke dieser Art. Gemeinsam mit den kongenialen Begleitern Volker Engelberth am Klavier, dem Bassisten Thomas Stabenow und dem Schlagzeuger Holger Nesweda konnte Sarah Lipfert dann ihr neues Programm realisieren. 

Ihre solide, klassische Gesangausbildung an den Musikhochschulen in Mainz und Mannheim sind der Nährboden für die musikalischen Ideen und unerschöpfliche Kreativität der 1979 geborenen Künstlerin. Von 2001 bis 2003 war Sarah Lipfert Sängerin der Phoenix-Foundation, dem Landjugendjazzorchester Rheinland-Pfalz. Mit ihrer Band Sarahs Ballroom spielte sie 2009 die CD „Between heaven and hell“ ein. Sarah Lipfert ist Sängerin des Duos „Fräuleinjazz“, Backgroundsängerin in der Bigband „brass and fun“ sowie bei „Dada-die-Band“. Heute lehrt Lipfert Gesang unter anderem an der Musikhochschule Freiburg, der Musikhochschule Stuttgart sowie im „Stimmwerk“ Stuttgart.

Mit Sarah Lipfert sprach Jazzpages-Mitarbeiter Klaus Mümpfer über ihr neues Projekt „Krug bis Knef“. 

KM: Wie ist es zu der neuen Band gekommen, nach der nach meiner Ansicht hervorragenden personellen Zusammensetzung von Sarahs Ballroom. 

Sarah: Da muss ich ein wenig ausholen. 

Sarahs Ballroom formierte sich während meines Studiums an der Hochschule für Musik in Mannheim. Daniel Prandl, Matthias Nowak, zwei weitere Kollegen und ich waren dort durch Zufall in einem Ensemble für „Vocal-Jazzstandards“ gelandet und probten gemeinsam jede Woche. 
Es machte uns so viel Spaß und harmonierte musikalisch so gut, dass sich daraus eine feste Formation bildete, zu der zwei Jahre später Dirik Schilgen als Schlagzeuger hinzukam. Mit Daniel Prandl als Co-Autor habe ich für Sarahs Ballroom viele Songs geschrieben. Sicherlich einer der zu erwähnenden Höhepunkte dieses gemeinsamen Schaffensprozesses war 2008 die Veröffentlichung des Albums „between heaven and hell“. 

Wie so oft, brachte auch bei Sarahs Ballroom der erfolgreiche Abschluss unseres Studiums den einen oder anderen Wohnortwechsel mit sich, und somit waren wir in Windelseile in alle Himmelsrichtungen verstreut. Ein neuer Standort erfordert gerade im Musikgeschäft sehr viel Aufbauarbeit um beispielsweise neue Netzwerke zu knüpfen. Im Jahr 2010 trennten sich dann aus Zeitmangel unsere Wege. 

Die Formation, mit der ich dieses Jahr bei „Bingen swingt“ auftreten darf, setzt sich aus Kollegen der Mannheimer Jazzszene zusammen, mit denen ich jeweils schon mehrmals in anderen Formationen arbeitete. 

Auch hier ergab sich die Besetzung durch eine konkrete musikalische Idee, nämlich durch ein gemeinsames Konzert im Rahmen der Konzertreihe „New Jazz Voices“ im „Schatzkistl Mannheim“, letztes Jahr im Oktober. Holger Nesweda und Thomas Stabenow, die Organisatoren der Reihe, hatten Lust mit mir und dem Pianisten Volker Engelberth gemeinsam für den Abend ein spezielles Programm zu erarbeiten. 

Das Festival ist nun eine schöne Gelegenheit, um diese Arbeit noch einmal zu intensivieren und zu vertiefen. 

KM: Wieso von "Krug bis Knef?"

Sarah: Der Titel des Programms war das Resultat meiner Songauswahl für das oben erwähnte Konzert im Oktober 2012. 

Zentrales Anliegen war es dabei, den Fokus auf Jazz-Klassiker mit unterhaltsamen deutschen Texten, unter anderem von Hildegard Knef und Manfred Krug, zu legen. Schlussendlich haben wir uns dann während des Schaffensprozesses noch dafür entschieden, einige bekannte alte deutsche Schlager zu bearbeiten und mit in das Programm aufzunehmen.

KM: Wie kam es zu dieser Idee und dem daraus resultierenden Programm? 

Sarah: Die Begeisterung für alte deutsche Schlager begann mit dem Stück „Für eine Nacht voller Seligkeit“, welches ich durch Thomas Stabenow kennenlernen durfte, der seiner Zeit an der Hochschule in Mannheim zu meinen Dozenten gehörte. Dieser Song, im Original geschrieben von Peter Kreuder, ist auch schon auf meinem Album „between heaven and hell“ zu hören.


Vor allem fasziniert mich an dieser Musik der Facettenreichtum der Stimmungen und Emotionen, die der dazugehörige geschichtliche Kontext hervorgebracht hat. Ob wehmütig, humorvoll, frivol, oder sehnsüchtig, die Texte und Melodien bieten uns eine große Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten und Interpretationsspielraum.

In einer eher „überspitzten“ Form der Interpretation kann man mich mit dieser Art von Musik auch bei „Fräuleinjazz“ sehen. Meine Kollegin Judith Goldbach (Kontrabass) und ich entwickelten mit der Regisseurin Caroline Richards ein Kleinkunstprogramm, welches alte deutsche Schlager mit der Geschichte von zwei Fräuleins vereint, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Weitere Informationen dazu findet man unter: www.fraeuleinjazz.de.

KM: Was reizt Dich besonders an diesem Projekt?

Sarah: Zum einen reizt mich die oben erwähnte Vielfalt der Texte und Melodien und die sich dadurch ergebende Interpretationsfreiheit. Jazz habe ich unter anderem deswegen studiert, weil er mir genau diese Möglichkeit bietet mich harmonisch und rhythmisch viel freier auszudrücken. Durch tonale und rhythmische Variationen der Melodie bin ich in der Lage, Texte so zu interpretieren und wiederzugeben, wie ich sie verstehe oder verstanden wissen will. Zum anderen reizt mich das musikalische Kommunizieren mit meinen großartigen Mitmusikern. Durch ihre Offenheit und ihre musikalischen Fertigkeiten konnten unglaublich schöne und vielfältige Arrangements entstehen, die jeden von uns inspirieren und mich immer wieder zum Scatten einladen. Jeder Mitmusiker bringt sein Instrument, in meinem Fall eben meine Stimme, in das Projekt ein und die daraus resultierenden Klangfarben kleiden die ausgewählten Songs auf eine besondere Art und Weise.

KM: Was war bei der Umsetzung zu beachten und was ist Dir wichtig bei der Interpretation?

Sarah: Für mich ist die erfolgreiche und auch inspirierende musikalische Arbeit immer analog zu sehen zu einer erfolgreichen Seilschaft in den Bergen. Es ist wichtig, dass man sich aufeinander verlassen kann und dass man eine gemeinsamen „Sprache“ findet. Diese haben wir gefunden und genau das war und ist die Grundlage für ein gutes Zusammenspiel und bietet Freiraum für jeden einzelnen Musiker. Ich persönlich kann in meiner Interpretation frei sein, weil ich mich „gut gesichert“ und harmonisch unterstützt fühle. Wichtig ist mir vor allem, dass die verschiedenen Stimmungen der Songs zum Ausdruck kommen und der Zuhörer somit die Chance hat, in sein ganz persönliches „Kopfkino“ abzutauchen. 

KM: Eine letzte Frage: Wann wird eine CD „Krug bis Knef erscheinen?

Sarah: Eine CD ist leider noch nicht konkret geplant. Wir hatten vor, dass Programm Anfang des Jahres einzuspielen, aber durch meine Schwangerschaft hat sich alles verschoben. (Anm. d. Redaktion: Am 12. März kam der kleine Louis Casper gesund zur Welt) Einen konkreten Termin kann ich deswegen nicht nennen.

Die CD von Sarahs Ballroom, auf der "Für eine Nacht voller Seligkeit" mit Frederik Köster als Gast an der Trompete zu hören ist, ist unter meiner eigenen Homepage "www.sarahlipfert.de" erhältlich.



Das Interview führte Klaus Mümpfer, langjähriger Mitarbeiter der Jazzpages, von dort wurde der Beitrag übernommen.

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